Wie soll das Jugendfußballangebot der Zukunft aussehen? Der Antwort auf die Kernfrage des ersten Jugendfußball-Kongresses sind der DFB und seine Landesverbände am Wochenende ein Stück nähergekommen. Die Elemente im Spiel, die für alle stimmen, sollen sich von klein bis groß durch den Kinder- und Jugendfußball ziehen. Denn: „Die Qualität entsteht über den Lebensweg“, sagt Hannes Wolf.
Der DFB und seine Landesverbände haben erkannt: Das Freizeitverhalten und die Rahmenbedingungen junger Menschen haben sich maßgeblich verändert. Das hat auch die beim Jugendfußballkongress vorgestellte Jugendstudie gezeigt, die unter anderem aufgedröselt hat, dass es der Fußball in der Ansprache von D- bis A-Jugendlichen mit mindestens drei unterschiedlichen Entwicklungsstufen zu tun hat: Real Teens, Late Teens und Young Adults haben unterschiedliche Grundbedürfnisse, die ihr Verhalten antreiben.
„Es wurde Zeit“, sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf schmunzelnd im Hinblick auf die Premiere in 125 Jahren Verbandsgeschichte. „Der Fußball muss sich moderner aufstellen, um auch in Zukunft attraktiv für junge Menschen zu sein.“ Der ursprünglich für März 2020 geplante Jugendfußball-Kongress musste aufgrund der kurz zuvor einsetzenden Corona-Pandemie kurzfristig abgesagt werden.
Zum Auftakt am Freitag diskutierten Turid Knaak, Thomas Broich und Hannes Wolf im direkten Austausch mit den rund 220 Teilnehmenden aus den 21 Landesverbänden über die Identität des Jugendfußballs. Ergebnis: Es geht vor allem um Spaß, Gemeinschaft, Engagement und Entwicklung, weniger um Leistung. „Wenn du in der D-Jugend schon auf der Bank sitzt und nicht gut genug bist, um bei deinem Hobby dabei zu sein, dann würde ich meinen Kindern auch sagen, lass mal was anderes machen“, sagt Wolf: „Wir müssen im System dafür sorgen, dass es keine Scheinpartizipation gibt, sondern alle Jugendlichen auch wirklich involviert sind.“
Bevor es am Samstag in Workshop-Phasen um die Spielbetriebs- und Freizeitfußballangebote der Zukunft ging, konnten am ersten Abend knapp 100 Teilnehmende selbst eine mögliche neue Spielform in der Fußballhalle auf dem DFB-Campus ausprobieren: Drei-gegen-Drei auf ein Tor – vergleichbar mit dem 3×3 Basketball, das vielen noch von den Olympischen Spielen in Paris im Gedächtnis ist. Wolf führt aus: „Wir haben den Bolzplatz mit seinen kleineren Spielformen nicht mehr als Ausbildungsmittel. Dinge, die früher der Bolzplatz für uns gemacht hat, müssen wir heute im Training abbilden.“
Der Fußballverband Rheinland war mit Moritz Detrois als Mitglied des DFB-Jugendausschusses sowie insgesamt acht Vertreterinnen und Vertretern vor Ort, darunter Sven Edinger, Beisitzer des Verbandsjugendausschusses. „Der Kongress war eine sehr professionell organisierte und gewinnbringende Veranstaltung“, befand er. „Ich halte solche Formate für eine Grundvoraussetzung für Änderungen, da hier alle Ebenen – Spieler, Vereinsvertreter, Vertreter der Kreise und Verbände – zum Austausch kommen und so ein zielführender Dialog stattfindet. Dadurch wird keine Ansicht vergessen, und die Ergebnisse sind nachhaltig. Außerdem entsteht durch die Einbindung aller Ebenen eine gewisse Akzeptanz für Änderungen.“
Auch Lars Becker, Jugendleiter der JSG Dauner Land, zählte zu den Teilnehmern aus dem Rheinland – und war ebenfalls sehr angetan. „Meine Eindrücke sind durchweg positiv, das war eine richtig tolle Veranstaltung“, sagte er. „Auch inhaltlich war der Kongress ein voller Erfolg, der mich zuversichtlich für die kommenden Jahre macht. Man muss sich immer wieder hinterfragen, die Gesellschaft und insbesondere die Jugend ist in einem schnellen Wandel. Daher ist es wichtig, dass wir Verantwortlichen und auch die Jugendspieler regelmäßig in einen Dialog kommen. Im Sinne des Fußballs geht es darum, alte Grenzen immer wieder einreißen.“
Beim Jugendfußball-Kongress konnte inhaltlich auf vier Austauschformaten aus dem Vorjahr mit Jugendlichen von der Basis und Vertreter(innen) der Landesverbände aufgesetzt werden. In Workshop-Phasen unter anderem zur Nettospielzeit, Ligeneinteilung nach Leistungsniveau oder der Spielplangestaltung wurden verschiedenste Ansätze am DFB-Campus weiterentwickelt. Der auf dem Kongress diskutierte Input fließt in den DFB-Bundesjugendtag im September 2025 ein und soll anschließend in Pilotprojekte münden, die maßgeblich von den Landesverbänden durchgeführt und mit den Vereinen in den Kreisen getestet werden.
Zuvor wird aber sicher der eine oder andere Gedanke nachwirken, der auf verschiedensten Ebenen besprochen und diskutiert wurde. „Der Austausch war beispielsweise in den Workshop-Phasen zum Spielbetrieb und zum Freizeitfußball sehr intensiv“, berichtete Edinger. „Auch neben dem Rahmenprogramm war durchweg ein guter Austausch zwischen den Teilnehmern gegeben. Die Teilnehmender waren sehr offen, interessiert und hilfsbereit zu jeder Zeit des Kongresses. Man konnte sehr viele Ansichten diskutieren und hat aus verschiedenen Landesverbänden, Blickrichtungen und Altersbereichen verschiedenste Ansichten gehört, die in der Entwicklung des Jugendfußballs eine zentrale Rolle spielen.“
Ähnliche Eindrücke gewann auch Lars Becker: „Es war faszinierend, wie viele Menschen verschiedener Generationen und in ganz unterschiedlichen Funktionen zum Thema Jugendfußball mitdiskutiert haben – und das immer auf Augenhöhe. Ganz besonders bleibt mir in Erinnerung, als ich in einer Diskussionsrunde meinen Standpunkt vertreten und dabei in einen intensiven fachlichen Austausch mit Daniel Stredak, Co-Trainer von Hannes Wolf in der U20-Nationalmannschaft, gekommen bin. Dieser Austausch mit solch einem Experten, der auch einem Ehrenamtler zuhört, der dessen Meinung ernst nimmt und diese reflektiert wiedergibt, fand ich einfach toll – das hat nachhaltig auf mich gewirkt.“






